In seiner Biographie "Wer mit den Wölfen heult" (1996), in der er von seinen entscheidenden Lebensjahren als junger Mann erzählt, kommt Ludwig Harig auch darauf zu sprechen, wie die Liebe zu seiner Frau Brigitte begann (Kap. VIII): "Ich hatte mich in ein Mädchen verliebt, nicht in ein Bild." (Fischer-TB 13923, S. 151).
Diese Beteuerung klingt eigenartig, weil hier etwas Selbstverständliches behauptet wird - weshalb die Beteuerung wieder ein bisschen an Glaubwürdigkeit verliert. Den Hintergrund der zitierten Äußerung bildet die Schilderung, wie er vom Anblick Brigittes erstmals bezaubert war: "Bis an mein Lebensende werde ich den Augenblick nicht vergessen, in dem ich Brigitte so überrascht angeschaut habe, als hätte ich sie nie zuvor gesehen!" (S. 149) Sie trug also eine gelbe Jacke zu einem braunen Rock, hatte schwarze Haare und saß vor einer dunklen Tapete im Café. "So grub sich das wohlkomponierte Porträt in meinen Kopf ein, und dort blieb es bis zum heutigen Tag." Aus diesem "Bild" trat der Erzähler wieder heraus in die Wirklichkeit, um dann die eingangs zitierte Beteuerung abzugeben.
Aber so ganz wahr mag die Beteuerung doch nicht sein; ich erinnere mich, dass H. mir einmal von einer begabten Studienfreundin erzählte, die sich in einen eher trotteligen Studenten verguckt hatte, von ihm ein Kind bekam und sich dann in einer Ehe an ihn band: Sie hatte einmal während einer Autofahrt neben ihm gesessen; er war schlank und trug einen Smoking. Dieser Anblick hatte sie so hingerissen, dass sie sich hatte hinreißen lassen...

Mit dieser Einleitung möchte ich auf den Zusammenhang von Liebe und Bild zu sprechen kommen; wenn ich diesen Zusammenhang nicht längst gekannt hätte, wären mir die in der Einleitung genannten Geschichten bestimmt nicht ein- oder aufgefallen. Den Zusammenhang kenne ich aus einem uralten Buch von Felix Schottlaender, den ich hauptsächlich wegen seines Mutter-Buchs schätze: Des Lebens schöne Mitte. Gedanken über Liebe und Ehe, Stuttgart 1953. Man merkt der Sprache das reife Erwachsenenalter des Buches an; wenn man sich daran nicht stört, gibt es uns einiges zu verstehen, denke ich.
Schottlaender geht davon aus, dass die Liebe sich entwickelt. Er beschreibt zunächst drei frühe Stufen: die Liebe zu den Eltern, die Übertragungsliebe (Übertragung: Wiederholung der in der frühen Kindheit erlebten Gefühle gegen eine andere Person; dazu interessant Tobias Brocher: Von der Schwierigkeit zu lieben, 1975) und die Leidenschaftsliebe. An dieser leidenschaftlichen Liebe erkennt Schottlaender zwei Züge: Sie stelle eine schrankenlose Verehrung und Begeisterung für ein wesentlich unerreichbares Wesen dar; anderseits suche sie als körperliches Begehren den Abgrund der Einsamkeit in der Vereinigung zu überbrücken. Aus dieser Charakterisierung folgert er: "Leidenschaft ist ihrem innersten Wesen nach unstillbar, weil sie Unvereinbares zu vereinigen, unlösbare Gegensätze zu lösen strebt."
Da allen Lesern die schöne leidenschaftliche Liebe bekannt sein dürfte, komme ich auf die Gemeinsamkeit der ersten drei genannten Liebes-Formen zu sprechen; sie seien durch eine "Blindheit für die Wirklichkeit" bestimmt, weil sie zutiefst Forderung und Anspruch seien. Vor dem Hintergrund dieser "negativen" Wertung entfaltet Schottlaender dann sein Verständnis der reifen, wirklichen Liebe. Diese beruhe auf echter Beziehungsfähigkeit; die wiederum setze voraus, "daß wir Abstand gewonnen haben von unseren Nächsten". Was heißt das?

Schottlaender beschreibt zuerst den Weg zur Selbsterkenntnis. Diese werde durch unser Ichideal, das Idealbild von uns selbst, behindert. Dieses Bild weise vor allem zwei Züge auf: Wir halten uns für unsterblich, und wir halten uns für den Mittelpunkt der Welt, weil wir gut und vollkommen sind. "Kurz, wir glauben in unserer Einfalt, unser Ichideal, unsterblicher Mittelpunkt der Welt, Inhaber aller guten Eigenschaften, sei dasselbe wie unser Ich!" Dem konfrontiert er die wesentlichen Lehren der Religionen: dass wir sterblich sind und dass wir Sünder sind, ohne dass Schottlaender nun Minderwertigkeitsgefühle, Angst oder Komplexe züchten will - es geht nur um Einsicht in die Wirklichkeit.
Mit dieser Selbsterkenntnis sei der große Umschwung in der Liebe möglich: "An Stelle von Anspruch tritt Dankbarkeit, Dankbarkeit dafür, daß der Andere uns bis zum heutigen Tage ertragen hat." Es genüge jedoch nicht, diese Einsicht einmal erreicht zu haben; es bedürfe vielmehr einer stets neuen Anstrengung, die Blendungen zu überwinden und wie sich selbst auch den realen Nächsten zu erkennen, dass er gleich mir ein schwacher und hilfsbedürftiger Mensch ist, der meiner ebenso bedarf wie ich seiner.
"Die gewöhnliche Blendung mit der aus ihr entspringenden Vorwurfshaltung stellt sich den Nächsten immer so vor, als sei er aus freiem Willen, gewissermaßen aus der Fülle der eigenen Macht heraus anders, als man ihn haben will. Als könne er ebensogut anders, wenn er nur wolle." Die Seelenbilder, die uns den Blick auf den Nächsten trüben, stammen alle aus uns selbst, aus unserem Herzen oder unserer Phantasie. "Und dieser Ursprungsort der Seelenbilder, der ‚Projektionen‘, ist das Idealbild von uns selbst; wir können es unser Ichideal nennen."
Und nun kommt der Abschluss des Gedankengangs, dass die Leidenschaftsliebe mit ihrem fordernden Charakter noch nicht wahre Liebe ist: Der Mensch liege quasi auf der Lauer und warte darauf, dass er einem anderen die eigenen Seelenbilder überstülpen kann; das rufe die Entzückung hervor, dass man nun offenbar "den" Anderen gefunden hat, den Menschen, den man immer gesucht hat, der einem Trost und Geborgenheit und Wonne schenkt. Wenn dann notwendig die Enttäuschung eintrete, weil auch der andere nur ein Mensch ist, glaube man sich von ihm getäuscht und meine, ihm das vorwerfen zu können: In Wirklichkeit sei man nur von seinen eigenen Bildern getäuscht worden, sei man seiner eigenen Projektion erlegen. Dann suche man den nächsten Bildträger, bei dem man sich "verstanden" glaubt, und wird wieder enttäuscht... Aus diesem unseligen Kreislauf führt nach Schottlaender nur der Weg über die Selbsterkenntnis hinaus.

Zwei abschließende Bemerkungen: Ich kann die Zitate nicht mehr nachweisen, weil ich z.T. nur zusammengestückelte Arbeitsblätter von S. 18-51 des genannten Buches besitze und das Buch inzwischen aus der Stadtblibliothek Mönchengladbach aussortiert worden ist. Ich referiere Schottlaenders Gedanken, zur sachlichen Lektüre (vgl. "Sachlichkeit vs. Fanatismus") ist genug gesagt.
Vgl. auch meinen Aufsatz über das Glück und Gernot Böhme: Anthropologie in pragmatischer Hinsicht. Darmstädter Vorlesungen (1985), es 1301, S. 77-138.

P. S. http://www.dctp.tv/#/liebe-macht-hellsichtig/luhmann_liebe-als-passion/ ist ein kluges Gespräch mit Luhmann.