Weben ist eine Technik, die bereits den alten Ägyptern bekannt war. Der älteste mir bekannte Beleg dafür, dass das menschliche Leben in eine bildhafte Beziehung zu dieser Tätigkeit gesetzt wird, steht im AT, im Buch Ijob:
"Schneller als das Weberschiffchen eilen meine Tage,
der Faden geht aus, sie schwinden dahin." (7,6)
Hier ist die Mechanik des Webens der bildhafte Bezugspunkt, sogar doppelt: Schnelligkeit des Schiffchens, Ende des Fadens, beides in einem sinnhaften Zusammenhang. Im Mittelhochdeutschen finden sich mehrere Belege für eine metaphorische Verwendung des Vers, wie man im Grimm-Wb nachlesen kann (Bd. 27, Sp. 2620 ff., siehe http://germazope.uni-trier.de/Projects/WBB/woerterbuecher/dwb/wbgui?lemid=GW10020).
Hier soll es nicht um die ganze Wortgeschichte gehen, sondern um eine Metapher, die bei Goethe bedeutsam ist. Lassen wir zuerst noch offen, wofür "weben" eine Metapher ist, und untersuchen zu Beginn ihre Verwendung. Eine klassische Stelle ist die Äußerung des Erdgeistes, als er sich Faust vorstellt (V. 501 - 509):
"In Lebensfluten, im Tatensturm
Wall‘ ich auf und ab,
Webe hin und her!
Geburt und Grab,
Ein ewiges Meer,
Ein wechselnd Weben,
Ein glühend Leben,
So schaff‘ ich am sausenden Webstuhl der Zeit
Und wirke der Gottheit lebendiges Kleid."
Gegenüber dem Urfaust ist im Wesentlichen nur Vers 507 ("Ein glühend Leben") ergänzt, die anderen Verse finden sich bereits im ersten Entwurf Goethes.
Wir finden hier das Hin und Her des Schiffchens inhaltlich als "Geburt und Grab" bestimmt, formal als das Auf und Ab des Tatensturms bzw. der Lebensfluten, die letztlich ein ewiges Meer bilden - welches in der Metaphorik des Webens als "der Gottheit lebendiges Kleid" bezeichnet wird. Im Weben gibt es das Hin und Her, den Wechsel; das Ergebnis des Webens hat jedoch Bestand: als ewiges Meer, Kleid der Gottheit. Über das unendliche Kleid ist die Metapher des Webens mit der des Meeres verbunden; in beiden Metaphern kann das singuläre Hin und Her des Webens wie das Fluten einzelner Wellen als in das große Ganze einbezogen gedacht werden. [Ich verweise auf meinen Aufsatz "Kette und Ring bei Goethe".]
Ironisch wird später von Mephistopheles dem Schüler geraten, zuerst ein Collegium Logicum zu belegen, damit ihm das freie Denken ausgetrieben werde:
"Zwar ist‘s mit der Gedankenfabrik
Wie mit einem Webermeisterstück,"
doch die prächtigen Logico-Denker sind eben keine Weber geworden (V. 1922 ff.); nur wegen ihrer thematischen Nähe zum Wort des Erdgeistes nenne ich diese Stelle, sachlich brauchen wir sie nicht zu berücksichtigen.
Als zweiten Beleg nenne ich Heine: "Jehuda ben Halevy" (in "Romanzero"). Zu Beginn von Teil II wird des jahrtausendelangen Leidens der Juden gedacht; in dem Zusammenhang, wo es um dessen Dauer, um pure Dauer geht, lautet eine Strophe so:
"Jahre kommen und vergehen -
In dem Webstuhl läuft geschäftig
Schnurrend hin und her die Spule -
Was er webt, das weiß kein Weber."
Kurz darauf wendet der Sprecher sich wieder Jehuda ben Halevy zu, das Bild wird nicht weiter beachtet. Beachtung schenkt dagegen der auktoriale Erzähler in Gottfried Kellers Novelle "Romeo und Julia auf dem Dorfe" diesem Bild: Die beiden Bauern Manz und Marti pflügen ihre Äcker an einem Septembermorgen; weil der zwischen ihren Ländereien gelegene Acker bald verkauft werden soll und vermutlich einem Ausgestoßenen gehört, schneiden beide im Pflügen eine Furche von jenem Acker ab; beide sehen, was der andere tut, aber keiner sagt etwas, sie ziehen wie Sternbilder über den Hügel des Ackers, aneinander vorbei. "So gehen die Weberschiffchen des Geschickes aneinander vorbei und ‚was er webt, das weiß kein Weber!‘" (RUB 6172, 2002, S. 11, Z. 9-11).
Warum weiß kein Weber, was er webt? Die Frage muss man wohl so beantworten, dass der Weber zwar die Querfäden durch die auf und ab bewegten Längsfäden schießt; aber welches Muster daraus tatsächlich entsteht, das kann er nicht sicher vorhersehen. So oder so ähnlich muss der Erzähler das Heine-Zitat verstehen; denn es dient ihm dazu, die Unwissenheit der beiden Bauern aufzuzeigen: Sie tun etwas Unrechtes, aber sie wissen nicht wirklich, was das bedeutet - wie dieses Unrecht ihren Untergang einleitet, wie sie selbst ihn herbeiführen. Im übernächsten Kommentar erklärt der Erzähler offen, dass besagtes Unrecht nun beginnt "seine Folgen ruhig zu entfalten" (a.a.O., S. 14, Z. 10 f.); 15 Seiten später weiß der Leser, wie Recht der Erzähler mit seiner Einschätzung hat: Beide Bauern sind verarmt und verkommen.
Aus der Literatur des 20. Jahrhunderts sind mir zwei Gedankengänge bekannt, in denen die Metapher des Webens eine Rolle spielt. In ihrem Buch "Vita activa oder Vom tätigen Leben" (1958, deutsch 1960; ich beziehe mich auf das Piper-Tb 217, 1981) entfaltet Hannah Arendt eine, wie soll man sagen, politische Anthropologie; den § 25 überschreibt sie "Das Bezugsgewebe menschlicher Angelegenheiten und die in ihm dargestellten Geschichten". Sie bedenkt dort, was die Ankunft eines neuen Kindes in die bestehende Menschenwelt bedeutet, und bezeichnet das Sprechen und Handeln dieses Neuen metaphorisch als (in einem Vergleich, "wie") Fäden, "die in ein bereits vorgewebtes Muster geschlagen werden und das Gewebe so verändern, wie sie ihrerseits alle Lebensfäden, mit denen sie innerhalb des Gewebes in Berührung kommen, auf einmalige Weise affizieren. Sind die Fäden erst zu Ende gesponnen, so ergeben sie wieder klar erkennbare Muster, bzw. sind als Lebensgeschichten erzählbar." (S. 174)
Hier taucht das alte mythische Bild des Lebensfadens auf, aber auch die Metapher des Webens, und zwar in doppeltem Sinn: Einmal trifft der einzelne Faden auf vorhandene Muster; das ist für die Vorstellung von Selbstverwirklichung wichtig - diese kann es nicht rein individuell, rein aus dem eigenen Gedanken, der eigenen Vorstellung geben. Zweitens kommt der bekannte Gedanke hinzu, dass das neu entstehende Muster nicht vorhersehbar, also erst nachträglich erkennbar und als Lebensgeschichte erzählbar ist.
Als letztes der großen Beispiele für die Verwendung der Metapher "weben" nenne ich Norbert Elias: "Was ist Soziologie?" (1970, 5. Auflage 1986) Er führt dort den Begriff der Figuration ein (S. 9 ff.) und denkt das Machtverhältnis in verschiedenen Modellen als Prozess, als einen Verflechtungszusammenhang (S. 75 ff.). Wenn er Macht als Verflechtungsprozess bezeichnet, will er damit sagen, dass nicht ein Machthaber Macht "hat", sondern dass die Akte beider Akteure voneinander anhängen und nur in ihrer Dependenz zu verstehen sind. So kann er Machtverhältnisse als Spiel-Modelle denken. Wenn nun in einem einfachen Zweipersonenspiel die Spielstärke annähernd gleich ist oder wird, "gewinnt das Spiel den Charakter eines sozialen Prozesses und verliert den des Vollzugs einen individuellen Plans; in umso höherem Maße resultiert, mit anderen Worten, aus der Verflechtung der Züge zweier einzelner Menschen ein Spielprozeß, den keiner der beiden Spieler geplant hat." (S. 85) - Die Lektüre dieser Passage sollte man allen, die sich mit einem bzw. einer anderen zu dauerndem Zusammenleben zusammentun, zumindest dringend empfehlen.
Bei Norbert Elias wird zwar auch das Bild der Verflechtung gebraucht, aber insgesamt doch durch das des Spiels in den Hintergrund gedrängt; entscheidend ist die Alternative "Plan vs. Prozess", die sich in diesen Bildern verstehen und auflösen lässt: Unser Leben kann nicht nach Plan verlaufen, ist ein Prozess in dem Sinn, dass wie im Schach unsere Züge mit denen des Partners zusammen erst die Partie ergeben. Die nähere Bestimmung des Spiels als Schach stammt von mir - ein äußerst bescheidener Beitrag in einem lange dauernden Metapherndiskurs.
Bleibt zum Schluss zu fragen, wofür die Metapher "weben" steht? Ich glaube nicht, dass ich auf diese Frage jetzt noch antworten muss.

Vgl. meine Untersuchung über "weben" als Motiv in Faust I: http://norberto42.wordpress.com/2012/07/29/motiv-weben-in-faust-i/