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Archiv der Einträge: April, 2008
  • Der Körper des Königs

    hat überlebt, schreibt Philip Manow in der SZ vom 31. März 2008 (S. 12). Manow stellt die Präsentation Sarkozys und seiner Frau Carla in den Rahmen der Theorie des politischen Charismas, das der Körper des Herrschers ausstrahlen muss, wenn er an der Macht bleiben will.
    Einige der westlichen Führer (Kennedy, Brandt u.a.) seien sexuell überaus aktiv gewesen, was bei ihnen als Demonstration des Körper-Charismas gegolten habe. Sarkozy habe mit seinem Turteln in Ägypten dagegen den Verdacht erweckt, dass er von Carlas Charisma gelenkt werde, dass also Frankreich „von einem Präsidenten regiert wird, der von seinen Hormonen regiert wird“.
    Beachtung verdient noch der Hinweis, dass Sarkozys Leibwächter während des Wahlkampfs verhindern mussten, dass Fotografen Bilder von den Schuhen mit den erhöhten Absätzen des lieben Nicolas schießen konnten - das hätte gezeigt, dass selbst seine relativ geringe „Größe“ schon erborgt ist.

    Allgemeines Fazit:
    1. Wer zur Wunschpersonifizierung dienen will, muss die politischen Bilder von seinem Körper kontrollieren.
    2. Auch heute haben wir keine entpersonalisierte Politik reiner Institutionalität, wie Habermas selber glauben und uns glauben machen will.

    Ph. Manow hat das Buch „Im Schatten des Königs - Die politische Anatomie demokratischer Repräsentation“ geschrieben. In solche Zusammenhänge hat mich 1974 erstmals Harry Pross: Politische Symbolik, eingeführt; das Buch hatte ich mir bei einer Tagung in Bad Meinberg gekauft.

  • Bildwissenschaft

    Jutta Göricke hatte in der SZ vom 26. März einen Artikel, mit dem sie für den Zusammenhang von Kunstgeschichte und Bildwissenschaft plädierte: "Du sollst dir ein Bildnis machen."

    Bildwissenschaft ist der Versuch, wissenschaftlich über die biblisch-mythologische Deutung hinaus Bilder zu verstehen. Mir geht es hier um die Namen, die mit der "Bildwissenschaft" verknüpft sind und die man schließlich in Suchmaschinen eingeben kann:
    Hans Holländer, Svetlana Alpers, Horst Bredekamp, Werner Busch, Barbara Stafford.
    Zentren der Bildwissenschaft seien heute Berlin (Bredekamp, Busch), Karlsruhe (Beat Wyss als Nachfolger Hans Beltings), Basel (Gottfried Boehm), Chemnitz (Klaus Sachs-Hombach).

    Beachtung verdient Görickes Hinweis auf die bildgebenden Verfahren der modernen Naturwissenschaften.

  • Fackellauf, Olympisches Feuer

    Gestern (8. April 08) wurde der Fackellauf mit dem Olympischen Feuer gestoppt: Feuer aus. Hintergrund ist die Demonstration für die Freiheit Tibets.

    Man kann natürlich sagen, der Fackellauf sei ein großer Humbug, der von den Nazis 1936 zu Zwecken der politischen Propaganda erfunden worden ist; das ist richtig. Man kann aber auch die Symbolik des Fackellaufs begreifen, die besagt: Wir alle sind Sportskameraden... Diese Symbolik hat ihre eigene Wahrheit, weil so viele daran glauben, weil so viele sie einfach "sehen".

    Politisch kann man die Störung des symbolischen Ablaufs kaum verhindern, weil Symbole nur in Grenzen kontrollierbar sind; und weil ihre "Aussage" unscharfe Ränder hat, weil also die Fackel auch Brandfackel ist, das unkontrollierbare zerstörende Feuer. Das Symbol geht über den einzelnen Mann, der mit dem Symbol hantiert, hinaus; es ist stärker als die Intention dessen, der es gebrauchen will und ihm deshalb dienen muss. Es ist überpersönlich.

  • „ein scharfes Schwert“

    Ein scharfes Schwert, das hat es früher gegeben, zu Zeiten der Ritter. Von Leuten, die heute noch Samurai spielen, abgesehen ist „scharfes Schwert“ Metapher geworden:
    (1) Die Behörde brauche "ein scharfes Schwert, um für mehr Wettbewerb bei der Stromerzeugung zu sorgen", sagte Rhiel.
    (2) Logik ist ein scharfes Schwert.
    (3) Er machte meinen Mund zu einem scharfen Schwert,
    er verbarg mich im Schatten seiner Hand.
    er machte mich zum spitzen Pfeil
    und steckte mich in seinen Köcher.

    (Jes 49,2 der Gottesknecht, über sich)

    Das sollte man wissen, wenn man im Rahmen der „Volksmusik“ Roger Whittacker hört:
    Abschied ist ein scharfes Schwert,
    das oft so tief ins Herz dir fährt.
    Du bist getroffen und kannst dich nicht wehren,
    Worte sind sinnlos du willst sie nicht hören,
    weißt, einmal geht auch die schönste Zeit vorbei.
    Oh, Stunden der Liebe du hast sie besessen.
    Stunden so zärtlich du musst sie vergessen
    denn das Leben geht ja weiter
    und jemand, der dich liebt, wartet schon auf dich.“

    Das ist die erste Strophe eines Liedes, welches von den treuen Fans des Sängers als dessen größter Hit gewählt wurde (ARD, 5. April 2008). Ohne die zugehörige Musik zu würdigen, wende ich mich dem Text zu, der einem Stück Poesie gleicht: Es reimt sich fast alles mehr oder weniger rein (Schwert / fährt; wehren / hören usw.); der Vers weist vier Hebungen ohne regelmäßige Füllung auf: Volksliedstrophe.
    Dass der Abschied „ein scharfes Schwert“ ist, diese Metapher muss den Leuten wohl eingehen; diese Metapher ist ein weiches Ding, das tief ins Gemüt euch ging. Von der Musik abgesehen - wieso?

    Zunächst wird „der Abschied“ zu einer eigenständigen Größe gemacht; es sind damit nicht mehr zwei Leute gemeint, die handeln, sondern Abschied ist ein Vorgang, den (nur) „du“ erlebst, erleidest, der dir ins Herz dir fährt. Du fällst als handelndes Subjekt aus, weshalb Worte sinnlos sind; der Partner ist unwichtig, deshalb brauchst du nichts zu sagen.
    Die Metaphysik ist schlicht: „das Leben geht ja weiter“, und jemand, der dich liebt, wartet schon auf dich - also ist der Abschied letztlich nicht schlimm. Der große Kontrast vom scharfen verletzenden Schwert und dem Trost in der neuen Liebe ist nur Rhetorik: Kontrastverschärfung, eingebettet in die tröstenden Worte „das Leben geht ja weiter“. Deshalb fällt es auch nicht schwer, erlebte Stunden der Liebe zu vergessen; und wenn es schwer fällt, dann „muss“ man es eben - Gottfried Benn grüßt aus der Ferne, das Schicksal winkt: „Du musst.“
    Das ist also Volkspoesie 2000; entsprechend hochklassig ist die poetische Formulierung:
    „Oh, Stunden der Liebe, du hast sie besessen.
    Stunden so zärtlich, du musst sie vergessen“.
    Um des Reimes willen muss man die Stunden, die man vergessen soll, „besessen“ haben: Stunden der Liebe besitzen, ein Grausamkeit gegen Gefühl und Sprache, eben Volkspoesie. Hätte man die Stunden der Liebe genossen, müsste man verdrossen sein; aber da ja leicht die neue Liebe lacht, so bis morgens um halb acht, muss man die alte vergessen, weshalb man ihre Stunden um des Reimes willen besessen hat. Man könnte sie noch essen, ermessen, vermessen; man könnte sie auch „in Hamburg und Stessen“ erlebt haben - aber wer kennt schon Stessen [Ortsteil von Jüchen, eine bessere Honschaft]?

    Wie eine Anhängerin des Herrn Whittacker sich besagtes Schwert-Lied wünscht, ist hörenswert: http://www.youtube.com/watch?v=L9vdkE-FUr8. Dass ihr Herr Whittacker als inspiriert erscheint, verwundert nicht.

    Noch ein Stück Volkspoesie aus dem Netz:

    Die Liebe

    Die Liebe ist ein scharfes Schwert,
    oftmals die Messer sich dann wetzen.
    Mit Gefühlen kann man leicht
    einen Menschen dann verletzen,

    Die Liebe ist ein Glücksgefühl,
    wie wild lodern doch die Flammen,
    egal ob in guten oder schlechten Tagen,
    wahre Liebe hält Menschen doch zusammen.

    Die Liebe ist eine stolze Burg
    sie will im Sturm erobert werden,
    und ist ein Ritter charmant genug
    wird die Liebe sich nicht lange wehren,

    Die Liebe ist ein schöner Traum
    überall Frohsinn und Lieder,
    sei nicht traurig wenn sie vorbei ist,
    die Liebe kommt immer wieder!!!“

    (Autor unbekannt)

    Das „dann" im 2. Vers ist völlig sinnlos, weil keine Situation vorgegeben ist!
    Ob Liebe nun die Menschen zusammenhält oder vorbeigeht,
    ob gewetzte Messer verletzen oder überall Frohsinn herrscht,
    das macht nichts, wenn sich alles tüchtig optimistisch lebensbejahend reimt:
    „Reim dich, oder ich fress dich!"
    Wer solche Volkspoesie fabriziert, spottet jeder Beschreibung.

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